Leseprobe
Ein markerschütternder Schrei durchdringt
meinen gesamten Körper und reißt mich
aus dem Schlaf. Wie jeden Morgen liege
ich schweißgebadet in meinem Bett. In
unserem Bett. Alleine. Es ist nicht der Lärm
eines Presslufthammer der meine Ohren
betäubt. Es sind die Schreie in meinem
Kopf. Ich kann den Schmerz, der meinen
Kopf zu zerbersten droht, kaum noch
ertragen. Janine hat nicht geschrien.
War der Augenblick zu kurz, um schreien
zu können oder warum hat sie nicht
geschrien? Warum hat sie nicht geschrien,
um diese ganze Scheiße zu verfluchen? Ich
weiß keine Antwort. Aber mein Kopf schreit.
Er schreit zu diesen Bilder, die unaufhörlich
vor meinen Augen ablaufen. Wie eine
Endlosschleife, immer wieder und immer
wieder. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Ich
schaue auf die Uhr. Es ist 6 Uhr. Ich richte
mich auf. Im Bad halte ich meinen Kopf
unter den eiskalten Wasserstrahl. Er kann
mich nicht beleben. Ich wanke die Treppe
hinunter in die Küche. Auf dem Küchentisch
steht noch die Flasche Rotwein. Die letzten
Tropfen im Glas sind über Nacht
eingetrocknet. Ich fülle das Glas mit
Wasser, werfe eine Aspirin hinein und starre
darauf, wie sie sich sprudelnd auflöst. Wie
lebendig ist diese Tablette. Für einen kurzen
Augenblick bewegt sie sich brausend und
schäumend im Glas, quillt empor und wird
eins mit dem vom Wein leicht rot gefärbten
Wasser. Ein kurzes Leben. Um mich herum ist
alles tot. Nichts ist mehr so, wie es war und
nie wieder wird es so werden, wie es war.
Ich gehe ins Wohnzimmer. Aus dem
übervollen Aschenbecher dringt kalter
Nikotingeruch. Eine ausgedrückte Kippe
liegt daneben. Ich bin Nichtraucher. Dachte
ich, bis zu diesem Tag, der nun schon fast
ein halbes Jahr zurückliegt und der alles
verändert hat. Alles. Ich stecke mir eine
Gauloise an und blicke auf die Schachtel.
"RAUCHEN KANN TÖDLICH SEIN" propagiert
der Aufkleber. Ein vergeblicher Versuch.
Alle lesen ihn. Jedermann raucht. Sogar
mein Arzt raucht. Die Welt ist voll mit
Hinweisen. Wir sind müde sie zu lesen und
alles andere ist uns wichtiger. "FATIGUÉ TUE".
In großen Lettern leuchtete die Mahnung
über der Autobahn als wir in Richtung Süden
fuhren. Es war unser letzter gemeinsamer
Urlaub. Wir konnten nicht ahnen, dass es
unser letzter Urlaub sein würde. Alle haben
die gut gemeinte Aufforderung für eine
wohlverdiente Rast gelesen. Alle sind
weitergefahren. Die ganze Nacht. Was hilft
es da, dass wir übernachtet haben und erst
am nächsten Tag ausgeruht weitergefahren
sind. Ich schreie: "AUTOFAHREN KANN
TÖDLICH SEIN." Warum klebt denn
gottverdammt keiner Aufkleber auf jedes
Auto, auf jedes Lenkrad. Wir könnten ihn alle
lesen. Trotzdem, alle würden unverändert
weiterfahren, das Handy nicht aus der Hand
legen, überholen um jeden Preis, den Akku
des Selbstwertgefühls mit der Motorkraft
des Wagens aufladen. Ich sinke erschöpft
am Tisch zusammen. Alleine.