Lautlos nach unten

„Von Andorff zitterte am ganzen Körpert. Er wollte schreien, er wollte seine ganze Verzweiflung, sein Entsetzen und seine Wut herausbrüllen, aber er blieb stumm.“

Kurz nach der Rückkehr von einer Geschäftsreise verschwindet der Kölner Privatbankier Dr. Jürgen G. Kleinmann. Kommissar Stein wird zum Tatort gerufen. Das, was wie eine gewöhnliche Entführung anmutet, entpuppt sich bereits am nächsten Tag als Irrlicht. Das Computersystem seines Bankhauses war Ziel eines Angriffs. Kleinmanns Konten wurden liquidiert. Von Kleinmann fehlt jede Spur.

In Hamburg wird der Manager Stephen von Andorff Augenzeuge, wie scheinbar tollwütige Algorithmen seine Hedgefonds ausradieren. Er verliert einen dreistelligen Millionenbetrag und ist ruiniert. Beide Angriffe sind nicht mehr als die Ouvertüre zum eigentlich Schauspiel.

Hintergrund

Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an. Und der Arme sagte bleich: “Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.”
Bertolt Brecht

In unserem Alltag bestätigt sich auf Schritt und Tritt: Nichts ist so ungleich verteilt, wie Geld. Dies erregt die Gemüter seit Menschengedenken, denn Geld bedeutet nicht nur Macht. Es sichert unsere Existenz und unseren Wohlstand. Wem es fehlt, der spürt auf brutale Weise, wie er seiner wirtschaftlichen, individuellen und bürgerlichen Freiheit beraubt wird.

Schon Aristoteles hat den Begriff Verteilungsgerechtigkeit geprägt. Auch heute vergeht kein Tag, an dem nicht ein Aspekt der Umverteilung öffentlich diskutiert wird. Reichensteuer, Mindestlöhne, Begrenzung von Managergehältern, Leiharbeit, millionenschwere Beraterverträge, Altersarmut, Hartz IV. Dies sind nur einige Stichwörter, die das Potenzial für hitzige Diskussionen bergen. Auch in den Medien ist das Thema Verteilungsgerechtigkeit allgegenwärtig und mit jeder Publikation wird eine Lawine von Meinungsäußerungen losgetreten.

Viele Menschen fordern: Die große Umverteilung von unten nach oben muss beendet werden. In meinem Roman habe ich eine Fiktion entwickelt und bin ein Stück weiter gegangen. Ich habe die jahrzehntelange Umverteilung des Vermögens kurzerhand ins Gegenteil verkehrt und die Schere zwischen Arm und Reich geschlossen.

Was wäre, wenn alle Reichen unseres Landes von einer Minute auf die andere ihr gesamtes Vermögen verlieren und nicht mehr besitzen, wie jeder Durchschnittsverdiener?

Wie würden unsere Verfassungsorgane, wie die Bürger, wie die Betroffenen reagieren, wenn scheinbar tollwütige Algorithmen die gesamte Finanzwelt und das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen erschüttern und das Vermögen der Reichen und Superreichen schlicht umverteilen?

Wenn Sie einen Blick auf diese Vision werfen möchten, wünsche ich Ihnen spannende Unterhaltung beim Lesen des Buches.

Leseprobe

Die Ironie des Schicksals wollte es, dass dieser Mittwoch, der Sigis Leben so einschneidend verändern sollte, sein letzter war.

Nichts von den epochalen Umwälzungen, die an diesem Tag ihren Lauf nahmen und das Gesicht unseres Landes so grundlegend verändern sollten, war für Sigi spürbar geworden und es sollten noch Tage vergehen, bis die Öffentlichkeit den Wandel gewahr wurde und Wochen bis das Ende der alten Ordnung begreifbar wurde. Selbst wenn Sigi die ersten Anzeichen zu Gesicht bekommen hätte, er hätte sie nicht mit sich und seiner aussichtslosen Lebenswirklichkeit in Verbindung gebracht. Wie hätte er auch auf einen solchen Gedanken kommen sollen? Niemand interessierte sich für seine Belange. Wie ein bleischwerer Nebel lasteten Entbehrungen, kräftezehrende Mühen und eine düstere Zukunft auf seinem Leben.

Als Sigi acht Jahre alt war, harte die Wohlstandsgesellschaft beschlossen, ihn auszusondern und schnell hatte er gelernt, dass es Wichtigeres als seine Wünsche gab. Anfangs gaben sich seine Eltern noch große Mühe, die wie aus dem Nichts aufgetauchten Probleme von dem fröhlichen, aufgeweckten kleinen Jungen und seiner Schwester Anna-Lena zu verbergen und den gewohnt unbeschwerten Alltag zu bewahren.

Sigi freute sich zunächst über die unheilverkündende Neuigkeit, denn in seinem zarten Alter erschloss sich ihm die ganze Tragweite noch nicht. Sein Vater sollte fortan jeden Tag zu Hause bleiben. Klaus, Sigi safte nur selten Papa zu ihm, brauchst nicht mehr Arbeiten zu gehen und hatte unglaublich viel Zeit für ihn und Anna-Lena, Freizeit, die Klaus im Berufsleben nicht gekannt hatte. Sigi verstand es nicht, warum sich sein Vater darüber nicht so sehr freuen konnte wie er. Seiner pubertierenden Schwester Anna-Lena, die begann, ihre exhibitionistischen Phantasien zu kultivieren und ihrem üppigen Brüsten vehement den Büstenhalter verweigerte, war es einerlei.

Die ersten Wochen schaffte es Sigi mit seiner Unbekümmertheit noch, seinen Vater ab und an zum Lachen zu bringen. Sein Vater holte ihn sogar mit dem neuen, sportlichen Cabriolet von der Schule ab. Das war das Größte, neben seinem Vater auf dem Beifahrersitz zu thronen und den sanften Fahrtwind zu spüren. Die anderen Jungen aus der Klasse wurden gelb vor Neid, wenn Klaus mit leicht durchdrehenden Reifen losfuhr. Sigi genoss diese Augenblicke. Der chromglänzende Stern des Cabriolet war noch kein Jahr alt, als seine Eltern den Leasingvertrag beenden mussten. Ab sofort fuhren sie umweltbewusst mit Bussen und Bahnen. Sigi suchte keine Erklärung, denn er fand auch dies super spannend und „cool“, wie er gerne betonte. In der Straßenbahn studierte er hinter den versteinerten und scheinbar undurchdringlichen Gesichtern die unterschiedlichsten Charaktere oder hing an den Lippen der Reisenden.

Ein halbes Jahr verging, ohne Jubel, ohne nennenswerte Dramatik. Es flossen keine Tränen, aber die Leichtigkeit der vergangenen Jahre war verflogen.

Was Sigi verborgen blieb, waren die verzweifelten Versuche seiner Eltern, die desolate finanzielle Situation wieder in den Griff zu bekommen und sich aus dem Würgegriff der Banken zu befreien, der ihnen die Luft zum Atmen nahm und alles zu ersticken drohte.

Klaus las täglich jede Stellenausschreibung. Jede. Er schrieb unablässig Bewerbungen. Es waren hunderte, aber es blieb eine ganz einseitige Kommunikation. Sein Versuch, als Handelsvertreter das Geld für den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen und das Hypothekendarlehen für den Neubau zu bedienen, scheiterte nicht an seinem Fleiß. Die Konkurrenz war auch hier groß und Sigis Mutter Silke, die seit der Geburt von Anna-Lena nicht mehr arbeitete, versuchte das Familieneinkommen mit Nachhilfeunterricht aufzubessern, aber mehr als ein paar nette Bekanntschaften und eine Hand voll Euros brachte auch ihre rastlosen Bemühungen nicht.

Klaus kämpfte bis zum Letzten. Er versuchte sich bei Internetauktionen und Trödelmärkten. Die Regale leerten sich, die finanzielle Situation blieb aussichtslos.

An einem Vormittag im Herbst besuchte sie ein Mann mit Aktenkoffer. Sigi hatte den Mann mit den exakt gescheitelten und glatt nach hinten pomadisierten Haaren noch nie gesehen, aber er spürte eine starke Abneigung gegen diesen finster dreinschauenden Anzugsträger. Sigi durfte nicht im Zimmer bleiben. Durch einen Türspalt konnte er aber erspähen, dass dieser Mann etwas wie kleine Abziehbilder auf verschiedene Einrichtungsgegenstände klebte.

Obwohl die Pfandsiegel nur oberflächlich hafteten, spürte Sigi ihre zerstörerische Kraft. Der verniedlichende Begriff aus der Ornithologie hätte Sigis aufkeimende Ängste nicht auslöschen können. An diesem Abend musste Sigi sehr früh ins Bett. Das musste er bisher noch nie. Er fand keine Ruhe und konnte nicht einschlafen. Leise schlich er in den Flur. Aus dem Wohnzimmer hörte Erdgas herzzerreißende Weinen seiner Mutter. Sein Vater klammerte sich an eine Flasche Cognac und stieß laute Flüche und Verwünschungen aus.

Als Sigi vier Wochen später sein großes Zimmer in der gepflegten, sorgenfreien Neubausiedlung mit Blick auf den kleinen Gartenteich und den Sportplatz gegen ein kleines Zimmer im grauen Plattenbau eintauschen musste, hatten die finanziellen Probleme seiner Eltern auch Sigi mit voller Wut getroffen. In diesem Zimmer fühlte er sich nicht wohl. Wie hätte er auch, dieses Zimmer hat nicht eine gemütliche Ecke.

Auch sein schwarzes Bechstein-Klavier, auf das der exakt gescheitelte und pomadisierte Mann mit Koffer ein Abziehbild geklebt hatte, konnte nicht mitziehen. Die Wohnung sei zu klein, sagte seine Mutter. Ihre Feigheit, Sigi die Wahrheit zu sagen, rührte sie zu Tränen. So musste sich Sigi auch von Thomas, seinem Klavierlehrer verabschieden. In diesem Moment kullerten auch Tränen über Sigis Wangen. Thomas, ein junger Musikstudent im ersten Semester, der Sigis Leidenschaft für das Piano so spielerisch geweckt hatte, ahnte nicht, dass er nie wieder einen so talentierten Schüler finden sollte.

Die neue Wohnung im 6. Obergeschoss war klein, die Wände dünn wie Pergament. Jeden Abend hörte Sigi beim Einschlafen den lautstarken Streit seiner neuen Nachbarn, laute Wutausbrüche in einer für Sigi fremdländischen Sprache und Geräusche, die wie harte Schläge klangen. Nur wenn er seinen Kopf tief unter der Bettdecke vergrub, fand er Ruhe zum Schlafen.

Sigi öffnete das Fenster seines unwirtlichen Zimmers und schaute hinunter auf den Platz.Er sah fleckigen ausgewaschenen Beton und ein Meer von Graffiti. Er beobachtete zwei Männer in blauen Overalls, die an der gegenüberliegenden Hauswand ein Kreuz mit grauer Fassadenfarbe übertünchten. Sigi hatte ein so merkwürdig geformtes Kreuz mit angewinkelten Enden noch nie gesehen.

Er hörte das schrille Geschrei streitender Kinder, dass die monotonen Geräusche der nahen Autobahn übertönte. Der beißende Gestank der Müllverbrennungsanlage stach ihm in die Nase.

Willkommen in der Großstadtidylle, kleiner Sigi. Dein neues Zuhause. Du bist angekommen. Ganz unten.